wellnessmaske

Mit allen Wassern gewaschen

Purer Hygienewahn oder die Belebung alter Wohlfühlrituale? Christiane Nönnig vermutet mehr hinter der reinigenden Wirkung des Wassers.
Titelfoto: Rike/pixelio.de

Streng genommen bedeutet „Wellness“ ja schlicht „Wohlbefinden“ oder „wohlfühlen“, ein durchaus erstrebenswerter Zustand für ein lebendes Individuum. Das, was man heute unter diesem Begriff versteht, ist für mich von Kindheit an selbstverständlich. Ich bekomme morgens unter einer ausgiebigen Dusche überhaupt erst einen klaren Kopf und halte regelmäßiges Saunieren für ein grundlegendes Menschenrecht. Herrlich! Dass ich damit nicht allein dastehe, könnte man als Hype der modernen Gesellschaft bezeichnen, als eine Art Gegenbewegung zur Hektik des Alltags wie einst zugedröhnte Hippies im Kampf für Frieden und freie Liebe: Je schneller sich die Welt dreht, desto mehr sehnen wir uns nach „Entschleunigung“, dem Schlagwort der Wellnessjünger. Ein bisschen Ruhe und Frieden zwischen Deadlines und Leistungsdruck, sanftes Plätschern statt Tastenklicken im Stakkato. Ein guter Gedanke!

Dabei ist der Wellnesstrend an sich gar keine so neue Erscheinung. Die Römer zum Beispiel verbrachten ganze Tage in ihren Thermen, um Körper und Geist zu regenerieren. Heute geht man in die Relaxoase zum „Detoxen“ oder ins „Day Spa“ zum „Floating“, und vermutlich wissen manche gar nicht, was das überhaupt heißt, oder glauben, es sei etwas Unanständiges. Tatsächlich ist es so schwerelos im Wasser fantastisch: Vergessen sind Dellen, Falten oder Schwimmringe jeglicher Art; man fühlt sich geborgen wie ein Baby im Mutterleib und mindestens 20 Kilo leichter – zumindest bis die unerbittliche Realität mit ihrer
Komplizin, der Schwerkraft, einen mitsamt der Bindehaut wieder auf den Boden der Tatsachen zieht.

Auch das eigene Badezimmer hat sich zum wahren Frauen- und – der Auœ ösung starrer Geschlechterrollen sei Dank – auch Männertraum entwickelt und wird von manchen so exzessiv genutzt, als ließen sich mit dem großzügig verschwendeten Wasser und sündhaft teuren Beautyprodukten gleich die kleinen Sünden des Alltags mit abwaschen. Dem Postboten wieder unfreundlich die Rechnungen aus der Hand gerissen? Ab unter die Dusche! Die Sekretärin heimlich mit Flüchen belegt, nur weil die nicht schnell genug Gedanken lesen konnte? Eine Stunde in die Wanne! Dem nervigen Nachbarn die Zeugen Jehovas mit den Worten „Er gibt es zwar nicht zu, aber eigentlich möchte er erleuchtet werden“ an die Haustür geschickt? Da hilft nur noch ein halber Tag im Damp¡ ad. Man stelle sich nur vor, wie der Bankmanager, der eben noch das Geld seiner Anleger verzockt hat, am Ende des Arbeitstags stundenlang unter seiner Multifunktionsdusche sich selbst umarmt, nur um sein schlechtes Gewissen zu lindern …

Da fällt mir auf, dass sich mein Mann in letzter Zeit auff ällig oft ein sehr ausgiebiges Vollbad gönnt. Vielleicht sollte ich das mal beobachten – oder gleich fürs Wochenende ein paar zuckersüße Walt-Disney-Kinderfilme ausleihen, um sein Seelenheil zu retten. Sicher ist sicher.

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